Viele Ortsgruppen der CDU wollten nicht einmal die Wahlplakate von Armin Laschet aufhängen. Laschet war als Führer unbeliebt, nicht bei den eigenen Parteimitgliedern, noch weniger bei den Wählern, und jetzt ist er mit dem schlechtesten Ergebnis in der Geschichte der CDU so ziemlich der unbeliebteste Mann in Deutschland. Selbst die Wahlbüros versuchen ihren Nachwahlkater mit Umfragen wie: Sollte Laschet zurücktreten (ja, 63 Prozent) oder: Sollte Laschet Kanzler werden (13 Prozent dafür).

Die seit 1949 fast ununterbrochen regierende CDU, die Regierungspartei von Adenauer, Kohl und Merkel, leidet unter der Niederlage am Sonntag. Die CDU/CSU erhielt 24,1 Prozent der Stimmen. Es ist nicht mehr die stabile Mittelpartei im Deutschen Bundestag, die im Wechsel mit drei SPD-Kanzlern immer die Macht beanspruchen konnte.

In der Wahlnacht selbst scheint das nur Angela Merkel zu sehen. Merkel hüpft ungewohnt unruhig von einem Bein aufs andere, über ihre Mundkappe, ihr Blick schweift von links nach rechts. Laschet hingegen sagt in einer Gruppe von CDU-Prominenten auf der Bühne, dass er trotz des historisch schlechten Ergebnisses “alles in seiner Macht Stehende tun werde” eine Regierung zu bilden.

Und das, während die SPD die Wahlen gewinnt, jene andere Mittelpartei, für die der Niedergang bereits nach 2005 begann in den letzten Jahren.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer nannte das Ergebnis am Montag einen „Erdrutsch“. Laschets Vertrauter Herbert Reul aus Nordrhein-Westfalen spricht von einer „Katastrophe“. Alle zeigen auf Laschet, überall wird nach ‘persönlichen Konsequenzen’ gerufen. Hinter dem derzeitigen CDU-Vorsitzenden steht eine Reihe von Männern, die bereit sind, die Führung von ihm zu übernehmen.

Wie konnte die CDU von einer gut geölten Machtmaschine zu einer gespaltenen, archaischen und ängstlichen Partei werden?

April

Am Sonntagabend, 18. April, schaut sich die gesamte deutsche Presse eine App an, die Flugzeuge im Luftraum verfolgen kann. Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern und Vorsitzender der CDU-Schwesterpartei CSU, ist mit dem Jet von seiner Heimatstadt Nürnberg nach Berlin unterwegs, um angeblich Kanzlerkandidat zu werden. Eine Woche zuvor hatte Söder angekündigt, neben Laschet den Kanzlerkandidaten zu übernehmen. Und Söder ist mit seinem mannstarken Führungsstil und Hang zu strengen Corona-Maßnahmen beliebt, viel beliebter als Laschet.

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In den Tagen nach Söders Ankündigung stellten sich immer mehr CDU-Mitglieder auf die Seite des bayerischen Kandidaten. Einer nach dem anderen äußert der CDU-Ministerpräsident seine Präferenz für Söder; in der CDU/CSU-Fraktionssitzung scheint es eine Mehrheit für den CSU-Mann zu geben. Bei so viel Rückendeckung kann Söders Kandidatur nicht länger scheitern.

Doch in Berlin erwartet ihn ein Treffen mit Armin Laschet und einigen CDU-Prominenten, darunter Wolfgang Schäuble. Schäuble – mit 79 Jahren immer noch eine der einflussreichsten Figuren unter den Christdemokraten – und die anderen Veteranen wollen auch keinen CSU-Kandidaten. Das wäre eine Enttäuschung für die Partei. An diesem Abend sagen sie Söder, dass er nie Kanzler werden wird. Söder muss erkennen: Ohne Unterstützung aus Berlin hat er keine Chance. Einen Tag später gratuliert er Laschet zum Parteivorsitzenden.

Für Laschet bedeutet es einen Wahlkampf, in dem er derjenige ist, der von Anfang an nicht mehrheitlich gewollt ist. Seine Kandidatur wurde vom Parteiestablishment gerettet, lokale Zweigstellen sind skeptisch. Söder, sagt seine rechte Hand, sei der ‘Kandidat der Herzen’ gewesen, und Söder selbst konkurriert weiterhin mit Laschet.

Doch die Führungskrise innerhalb der CDU dauert schon länger. 2018 gab Merkel ihren Rücktritt bekannt und gab den CDU-Vorsitz ab. Zunächst wurde die derzeitige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zu Merkels Nachfolgerin gewählt, doch ‘AKK’ musste 2020 das Feld verlassen, Merkel zog ihre Unterstützung zurück. Erst im Januar dieses Jahres wurde ein Nachfolger von AKK gewählt: Laschet gewann mit knapper Mehrheit von Friedrich Merz und Norbert Röttgen. Seit Merkels Rücktritt als CDU-Vorsitzende ist die Partei seit drei Jahren ohne maßgeblichen Führer. Seit Jahren wird nicht darüber nachgedacht, wohin die Party gehen soll. Friedrich Merz nannte seine Partei “Denkfaul” diesen Freitag. Die Wahlthemen wurden diesen Sommer ad hoc festgelegt.

August

Laschet macht im August vollen Wahlkampf. Die CDU liegt in Umfragen nur wenige Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten. Laschets Terminkalender ist voll, so voll, dass er zu vielen Terminen zu spät kommt.

In Osnabrück geht er durch eine Einkaufsstraße, ein Journalist von Focus fragt ihn, was das drei wichtigsten Themen sind für ihn. Digitalisierung, sagt Laschet, und Industrie klimaneutral machen. Und das dritte Thema, fragt der Journalist – aber mehr fällt ihm dazu nicht ein.

Die Situation in dieser Straße in Osnabrück ist chaotisch. Laschet ist von Journalisten umgeben und alle wollen etwas über ihn wissen, doch das Schweigen zur Frage nach dem dritten Thema ist symbolisch und fatal. Die Wahlthemen der CDU sind bis heute ein Rätsel. Im April gab die CDU vor, so grün zu sein wie die Grünen, die damals der Hauptkonkurrent zu sein schienen; Ende des Sommers wurde im Gegensatz zur SPD immer mehr Wert auf die freie Marktwirtschaft gelegt.

Auch die CDU hatte unter Angela Merkel kein klares Programm. Aber Merkel hatte ein gutes Gespür für den Zeitgeist und übernahm einfach Themen aus der SPD wie die gleichgeschlechtliche Ehe oder den Mindestlohn. Das Vertrauen, das Merkel durch den Umgang mit verschiedenen Krisen wecken konnte, reichte dem Wähler.

Die CDU hat den Ehrgeiz, eine ‘Volkspartei’ zu sein, eine Partei, in der sich alle Bevölkerungsschichten vertreten fühlen. Interessenkonflikte müssen innerhalb der Partei gelöst werden. Aber kürzlich sagte ER TUTKommentator Jasper von Altenbockum in einem Podcast, dieser Kompromiss müsse von einer glaubwürdigen Figur propagiert werden. Das konnte Merkel allein dank ihrer Biografie: einer Frau aus dem Osten, ein Wissenschaftsmensch obendrein, der es unter die Männer aus der alten Bundesrepublik schafft. Laschet sagte immer wieder, er wolle ‘verbinden’, aber er konnte nicht überzeugen.

Einer der Höhepunkte von Laschets Kampagne dürften die kameradschaftlichen Fotos von ihm und Elon Musk gewesen sein. Die Dinge liefen anders. Im August führt Elon Musk Laschet durch die im Bau befindliche Tesla-Fabrik in Brandenburg. Anschließend findet eine kurze Pressekonferenz statt. Einer der anwesenden Journalisten fragt Musk, ob die Zukunft der Autoindustrie der Elektromotor oder Wasserstoff sei. Vielleicht nicht die klügste Frage für einen Elektroauto-Riesen. Servierend übersetzt Laschet die Frage des deutschen Journalisten ins Englische. Musk sagt: „Wasserstoff ist Zeitverschwendung“ und fängt an zu lachen. Ein Auszug der Veranstaltung verbreitet sich rasant im Internet: Laschet stellt eine Frage und wird dann von Musk ausgelacht. Laschet ist wieder das Gespött Deutschlands.

September

Am Dienstagnachmittag der vergangenen Woche trifft sich die CDU/CSU-Fraktion. Die Parlamentspresse in Berlin bezweifelt, dass Laschet den Abend übersteht: Es muss ein neuer Fraktionsvorsitzender gewählt werden, der einzige Posten mit Einfluss in der Opposition, aber Laschet kann sich nicht zur Wahl stellen, weil er verlieren würde. Es gibt eine Reihe von Kandidaten, die bereit sind, die Position zu übernehmen. Am Ende gelingt es Laschet, einen Kompromiss zu erzwingen: Der bisherige Parteivorsitzende Ralph Brinkhaus bleibt noch ein halbes Jahr im Amt, danach wird er wiedergewählt.

Es ist ein Wunder, dass Laschet es bis zum Ende der Woche geschafft hat. Laschets Rettung ist die Macht der liberalen FDP (12 Prozent), die gemeinsam mit den Grünen (15 Prozent) die Initiative zur Bildung einer neuen Koalition ergreift. Die finanz- und sozialpolitisch weit auseinander liegenden kleinen Parteien wollen zunächst untereinander einen Rahmenvorschlag erarbeiten und ihn dann zu SPD und CDU bringen. Die FDP steht der CDU in der Finanz- und Steuerpolitik viel näher als den Sozialdemokraten, die FDP scherzt sogar, die CDU habe das Parteiprogramm teilweise kopiert, die Liberalen bevorzugen die CDU als Koalitionspartner. Auch FDP-Parteichef Lindner kennt Laschet gut. Und auch die Konservativen unter den Grünen, wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, sprechen sich für die CDU aus.

Kann Laschet noch Kanzler werden? Seine Position wird von allen Seiten in Frage gestellt. Parteichef Ralph Brinkhaus, Gesundheitsminister Jens Spahn, der bereits erwähnte Friedrich Merz und der andere Verlierer des CDU-Vorsitzes, Norbert Röttgen, treten alle für den CDU-Vorsitz an. Alle fünf Männer kommen aus Nordrhein-Westfalen. Der Frauenanteil innerhalb der CDU ist noch gering, ganz zu schweigen von der Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund.

Das Machtspiel bei der CDU und die schwache Position von Laschet ist nicht gerade ein guter Ausgangspunkt für die ersten Sondierungskoalitionsgespräche. Die Grünen haben die Partei bereits als “nicht in der Lage zu regieren oder zu bilden” in diesem Staat. Das geht auch aus der Delegation hervor, die die CDU an diesem Sonntagabend zum ersten Treffen mit der FDP entsendet: zehn Männer von der CDU, plus fünf von der CSU. Jeder, der Einfluss sucht, will dabei sein, auch Markus Söder von der CSU natürlich. Denn wenn die Gespräche mit FDP und Grünen noch gelingen, ergibt sich vielleicht wieder die Gelegenheit, den aufgeregten Kanzlerkandidaten Laschet beiseite zu schieben.

DITER SHELENBERG

By DITER SHELENBERG

Autor Dieter Shelenberg shelenberg@lzeitung.com Diter Shelenberg ist seit 2013 als Reporterin am News Desk tätig. Zuvor schrieb sie über junge Adoleszenz und Familiendynamik für Styles und war Korrespondentin für rechtliche Angelegenheiten für das Metro Desk. Bevor Diter Shelenberg zu Lzeitung.com kam, arbeitete er als Redakteur bei der Village Voice und als freier Mitarbeiter für Newsday tel +(41 31)352 05 21