Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie explodiert die Infektion in Europa. – Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es ein schreckliches Weihnachtsfest, warnt der deutsche Chef des Infektionsschutzes. Es wird diskutiert, ob die Regelung auf das ganze Land ausgeweitet werden soll. Foto: Michael Probst/AP/NTB Veröffentlicht: Veröffentlicht:

19. November

Die deutschen Infektionsschutzbehörden bestätigten am Donnerstag die Rekordzahl von 65.000 Infizierten an einem Tag. Foto: Markus Schreiber/AP/NTB Als erstes Land in Europa führt Österreich eine neue Sperrfrist ein. Das Bild zeigt Menschen mit und ohne Mundschutz vor dem Stephansdom in Wien. Foto: Michael Gruber /AP/NTB Österreich gehört zu den Ländern in Europa mit dem niedrigsten Anteil an Geimpften an der Bevölkerung. Jetzt explodiert die Infektion. Foto: Lisa Leutner/AP/NTB

Trotz der Tatsache, dass es seit fast einem Jahr Impfstoffe gegen Covid-19 gibt, haben sich weite Teile der Bevölkerung in vielen EU-Ländern gegen die Einnahme entschieden Spritze. Experten bezeichnen Impfstoffe als einzigen Ausweg aus der Krise.

In vielen Ländern Europas steigen die Infektionen mittlerweile an. In Deutschland, das die erste Phase der Pandemie recht gut überstanden hat, ist die Ausbreitung mittlerweile erschreckend hoch. Die Lage in den Krankenhäusern sei düster, so Lothar Wieler, Chef des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI).

– Wir waren noch nie so unruhig wie jetzt, sagte er diese Woche bei einem Online-Seminar. Er beschreibt, wie Schlaganfallpatienten und andere Schwerkranke auf einer Intensivstation zwei Stunden warten müssen. Die Stationen sind voll – hauptsächlich von ungeimpften Covid-Patienten.

– Ein Notfall

– Unser Land ist jetzt von einer Notlage betroffen. Wer dies nicht erkenne, mache einen ganz großen Fehler, sagte Wieler.

Am Donnerstag verzeichneten die deutschen Infektionsschutzbehörden einen Rekord von 65.000 Fällen an einem Tag. Am Tag zuvor waren es 52.000. Schätzungsweise 400 von ihnen werden laut Wielers Prognose sterben.

Berücksichtigt man dunkle Zahlen, können es doppelt oder dreimal so viele sein. Das bedeutet, dass Deutschland in wenigen Wochen täglich über tausend Corona-Todesfälle haben könnte.

– Es ist zu spät, um etwas zu tun. Diese Leute sind bereits infiziert. Es ist, als ob Wasser aus einem Eimer gelaufen wäre – man kann es nicht wieder zurückschütten, sagt der Leiter des Infektionsschutzes der deutschen Zeitung Die Welt.

Ein Zeichen dafür, wie ernst die Lage geworden ist, zeigte sich kürzlich, als ein Krankenhaus im bayerischen Freising einen Covid-Patienten nach Italien schickte. Das Krankenhaus hatte weder Platz noch konnte es innerhalb der Landesgrenzen andere Behandlungsorte finden.

– Österreich macht dicht

Im Nachbarland Österreich ist die Situation noch schlimmer. Die Regierung hat vor fast einer Woche einen Shutdown für Ungeimpfte eingeführt, und ab kommenden Montag wird es für zehn Tage einen vollständigen Shutdown geben, um die Infektion einzudämmen.

Österreich wird damit als erstes Land in Europa eine neue Vollsperrung einleiten.

Die Behörden planen auch die Einführung einer Impfpflicht bis 1. Februar. Die Impfrate gehört zu den niedrigsten in Westeuropa. “Peinlich niedrig,” wie Ministerpräsident Alexander Schallenberg es formulierte.

– Die Toten werden im Krankenhausflur beigesetzt

Am Donnerstag wurden in Österreich erstmals mehr als 15.000 Infektionsfälle gemeldet – ein Land mit fast 9 Millionen Einwohnern. Aus dem Gesundheitswesen liegen Meldungen über sehr ernste Herausforderungen vor. Unter anderem aus einem überfüllten Krankenhaus im schwer getroffenen Bundesland Oberösterreich.

– Wir müssen die Toten auf den Fluren unterbringen, sagt ein Mitarbeiter der Nachrichtenagentur APA.

Sie sagt, dass die Mitarbeiter unter einem enormen psychischen Druck stehen, der noch schlimmer wird, je mehr Menschen sterben.

– Niemand von außen kann sich vorstellen, was das bedeutet, sagt sie.

Letzte Woche entfiel mehr als die Hälfte der wöchentlichen Infektionsraten der Welt auf Europa. Etwa die Hälfte der Todesfälle sei hier verzeichnet worden, so Sky News unter Berufung auf Reuters.

Demonstrationen in Frankreich

Die Entwicklungen in Österreich haben in Frankreich für Unruhe gesorgt, wo am Donnerstag mehrere Hundert Menschen vor der österreichischen Botschaft demonstrierten, berichtet Sky News.

Präsident Emmanuel Macron hat gesagt, dass es keine Schließung geben wird für Ungeimpfte, und weist darauf hin, dass das Corona-Zertifikat gewirkt hat, um die Ansteckung einzudämmen. In Frankreich ist für den Besuch von Restaurants, Cafés, Kinos sowie für die Fahrt mit dem Fernzug ​​ein Impfausweis oder ein negativer Koronartest erforderlich.

In vielen osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien entwickelt sich die Lage bereits seit mehreren Wochen katastrophal. Dies liegt vor allem daran, dass nur wenige geimpft wurden. In Ungarn ist nun für Gesundheitspersonal eine dritte Impfdosis erforderlich, und die Bevölkerung muss an den meisten öffentlichen Plätzen in Innenräumen wieder Verbände tragen.

Besser in Südeuropa

In den südeuropäischen Ländern, die in der ersten Phase der Pandemie am stärksten betroffen waren, sieht es dagegen heller aus.

Italien, das knapp 60 Millionen Einwohner zählt, meldete am Mittwoch erstmals seit Mai mehr als 10.000 Neuinfizierte. Die Ausbreitung nimmt damit zu, die Ansteckung bleibt aber relativ gering.

Die Gesundheitsbehörden haben die günstige Lage damit begründet, dass der Impfstoffanteil zu den höchsten in der EU gehört. Dies wiederum bot die Möglichkeit, Anfang des Jahres ein Corona-Zertifikat einzuführen. Aus der Bescheinigung geht hervor, ob eine Person geimpft ist, sich bereits infiziert hat oder einen negativen Test vorweisen kann. Das Zertifikat wird nicht nur für den Zugang zu einer Reihe von Veranstaltungen benötigt, sondern wird auch im Berufsleben verwendet.

Griechenland hat auch Beschränkungen für Ungeimpfte eingeführt, nachdem die Infektionsraten gestiegen sind. Ihnen wird nun der Zugang zu Kinos, Museen und Fitnessstudios verwehrt.

Kronenpass

Die Botschaft des deutschen RKI-Chefs Wieler an alle ungeimpft ist klar: Los geht's!

Er will die Impfrate erhöhen, indem er Apotheken die Möglichkeit gibt, den Impfstoff einzustellen.

– Wir befinden uns in einer Notsituation. Jeder, der weiß, wie man eine Spritze einführt, muss jetzt mithelfen. Sonst werden wir diese Krise nicht in den Griff bekommen, sagt er.

Die sogenannte vierte Welle von Covid-19 verhält sich anders als in früheren Phasen. Einige der Länder, die heute zu Beginn der Pandemie die meisten Infektionen hatten, haben eine relativ geringe Verbreitung, während Länder wie Deutschland – die zuvor relativ wenige Todesfälle hatte – gehören mittlerweile zu den am stärksten betroffenen.

Im deutschsprachigen Europa gilt das Konzept 3G “geimpft, genesen, genetestet”, das heißt geimpft, genesen, getestet , und 2G (geimpft oder wiederhergestellt) wurde in verschiedenen Kontexten eingeführt.

Österreich verschärfte vergangene Woche die Regeln von 3G auf 2G und erlaubt nicht mehr ungeimpften Personen den Gang in Restaurants oder zum Friseur nur aufgrund eines negativen Koronartests. In Deutschland wurden die 2G-Regeln in mehreren Bundesländern eingeführt, und es wird diskutiert, ob das Konzept auf das ganze Land ausgeweitet werden soll.

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Veröffentlicht: 19. November 2021 19:25

DITER SHELENBERG

By DITER SHELENBERG

Autor Dieter Shelenberg shelenberg@lzeitung.com Diter Shelenberg ist seit 2013 als Reporterin am News Desk tätig. Zuvor schrieb sie über junge Adoleszenz und Familiendynamik für Styles und war Korrespondentin für rechtliche Angelegenheiten für das Metro Desk. Bevor Diter Shelenberg zu Lzeitung.com kam, arbeitete er als Redakteur bei der Village Voice und als freier Mitarbeiter für Newsday tel +(41 31)352 05 21