S.Auch bevor Alexia die Titanplatte in ihren Kopf gepflanzt bekommt, ist sie kein besonders nettes Mädchen. Sie verbringt die ersten Minuten des Films damit, uns und ihrem Vater so auf die Nerven zu gehen, dass er einen Unfall hat, der Alexias Schädelplatte dauerhaft beschädigt. Sie wächst zu einer jungen Frau heran, die autosexuelle Neigungen hat, also wirklich zu Karosserien und Verbrennungsmotoren, und die auch sonst eher fremd ist. Zum Beispiel neigt sie dazu, Menschen zu ermorden, die ihr in den Sinn kommen.

Weil die Polizei ihr auf der Spur ist, gibt sie sich als vermisster, inzwischen erwachsener Sohn eines Feuerwehrchefs aus und zieht bei ihm ein. Es kommt zu einer berührenden Vater-Sohn-Annäherung, die nicht dadurch unterbrochen wird, dass dem Vater nach und nach dämmert, dass es sich bei der Person, die bei ihm eingezogen ist, nicht um den vermissten Adrien handelt.

Motoröl aus Körperöffnungen

All das hätte man direkt und realistisch erzählen können, aber genau das tut die französische Regisseurin Julia Ducournau in ihrem Cannes-Siegerfilm „Titane“ nicht. Sie inszeniert die Gürtel-Bondage-Sexszene zwischen Alexia, der Autoshow-Tänzerin, und der feschen Ausstellung Cadillac wie ein grelles Musikvideo aus guten alten MTV-„Pimp my Ride“-Zeiten. Die Annäherung zwischen Mensch und Maschine führt zu einer Schwangerschaft, die die Möglichkeit bietet, den Abfluss des Motoröls aus allen möglichen Körperöffnungen genüsslich zu inszenieren. Und Ducournaus Begeisterung für den Körperhorror in all seinen Variationen macht sich auch auf andere Weise bemerkbar: Es werden Nahaufnahmen genäht und besprüht, Bleche platzen von Körperteilen und spitze Gegenstände werden in Köpfe gerammt.

Das alles ist etwas verstörend, aber trotz aller Schockeffekte nimmt der Film seinen Charakter und seine Geschichte ernst, der ganze schöne Spritzer passiert nicht um seiner selbst willen. Deshalb ist es gut, dass dies von einem Regisseur inszeniert wurde, der ein Gespür für Situationen hat, die Frauen unangenehm sind. Vom dreckigen Heranwachsenden im Bus bis zum sturen Verehrer, der Alexia im Dunkeln nachjagt und nicht versteht, wie bedrohlich er aussieht.

Und schließlich diese ganze Fruchtbarkeitssache, die ein solcher Körper einem anlegt. Der Film bietet auch identifizierbare, verbindbare Situationen: Es ist wirklich unglaublich ärgerlich, wenn man die Zeugen nach dem Mord beseitigen will, und in dieser WG leben unüberschaubar viele Menschen. Es entlastet auch ein preisgekröntes feministisches Horror-Splatter-Drama, wenn ein Funke Humor im größten Gemetzel auftaucht.

Normalerweise würde so etwas wie eine Empowerment-Geschichte inszeniert: einer Frau wird es zu viel, dann greift sie zur Waffe. Hier ist es genau umgekehrt. Diese Alexia, gespielt von Agathe Rousselle, findet erst als ihr Sohn Adrien inmitten dieser männlich dominierten, männlichen Feuerwehrwelt ihren Weg in ein Gefühl der Geborgenheit, die sie von allem Töten befreit.

DITER SHELENBERG

By DITER SHELENBERG

Autor Dieter Shelenberg shelenberg@lzeitung.com Diter Shelenberg ist seit 2013 als Reporterin am News Desk tätig. Zuvor schrieb sie über junge Adoleszenz und Familiendynamik für Styles und war Korrespondentin für rechtliche Angelegenheiten für das Metro Desk. Bevor Diter Shelenberg zu Lzeitung.com kam, arbeitete er als Redakteur bei der Village Voice und als freier Mitarbeiter für Newsday tel +(41 31)352 05 21